Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

welche Gedanken, Bilder und Assoziationen kommen Ihnen, wenn Sie an Wind denken? Ich denke, typisch für den Sommer, an ein warmes Lüftchen, welches mir sanft in den Nacken bläst, oder an den heftigen Gegenwind, der mich am vergangenen Sonntag, als ich vom Badesee zurückfuhr, beim Fahrradfahren behinderte. Ebenso kommen mir kraftvolle Stürme mit Hagel, Blitz und Donner in den Sinn, die ganz plötzlich aufziehen und bei denen nicht nur Gegenstände durch die Luft fliegen, sondern denen wir Menschen und die Tiere hilflos ausgeliefert sind.

Von einem solchen Sturm berichtet uns die Bibel im heutigen Evangelium. Die Jünger sind mit ihrem Meister hinaus auf das Wasser des Sees Genezareth gefahren, als plötzlich, charakteristisch für die bergigen Landschaften in unseren Gefilden, aber eben auch in Israel, ein Sturm aufzieht. Regen prasselt herab. Ein starker Wind lässt das Segel reißen und knickt den Mast, wie ein Streichholz, ein. Hohe Wellen schwappen über die Reling des kleinen Fischerbootes und drohen es schnell zu füllen, so dass es zu sinken droht. Gestandene Männer schreien vor Angst. Es ist eine Szene, die an Dramatik nicht zu überbieten ist. Und doch scheint es einen nicht zu interessieren: Jesus, so berichtet uns die Erzählung, liegt einfach da, ruhig schlafend. Erst auf das Drängen seiner Freunde wird er wach, steht auf und spricht. Und Wind, Wasser und Regen gehorchen ihm und ziehen sich zurück. Was für ein Wunder, ein Zeichen zu unserer Zeit, aber gerade in einer Epoche, in der die Menschen Naturphänomenen, wenn sie sie nicht sogar vergöttlichen, hilflos ausgesetzt sind. Jesus erweist sich als Sohn des einzigartigen, großen Gottes, der wie wir in der Lesung des heutigen Tages erfahren, Himmel, Erde, Wind und Wasser und alle Naturgewalten erschaffen hat. Wie dieser kann Jesus diese beherrschen zum Wohle des Menschen, gegen seine Angst. Es ist eine Angst auch vor uns selbst, vor der Depression und allem, was uns daran hindert glücklich zu werden. Das unter dem Wasser liegende sind zugleich die unbewussten Kräfte in uns selbst, die uns manchmal, viele von uns kennen es, wie Naturgewalten, hin und her reißen können.

Auch das Boot der Kirche ist momentan in einen schweren Sturm geraten. Da ist die immer noch nicht befriedigende Aufarbeitung sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen durch kirchliche Mitarbeiter. Da sind die klerikale Machtstrukturen, die Ausgrenzung von Menschen aufgrund des Geschlechtes oder ihrer sexuellen Neigung oder die Behinderung von längst überfälligen Reformbewegungen durch kirchliche Würdenträger. Da ist aber auch eine Institution, die nur um sich selbst zu kreisen scheint, ohne sich wirklich für die ihr Anvertrauten zu interessieren. Dies alles treibt die Menschen in Scharen aus dem scheinbar sinkenden Schiff und lässt selbst einen bekannten Bischof an Rücktritt denken und mit den Worten, „die Kirche sei an einem toten Punkt angelangt“, begründen. Ich weiß nicht, ob dies der richtige Schritt ist und ich bin froh, dass der Rücktritt unseres Kardinals nicht angenommen wurde.

Ich selbst kann mich jedenfalls nicht zu einem Austritt durchringen, obgleich auch mich momentan vieles stört und ich ernsthaft diesen Schritt erwogen habe. Doch auf der anderen Seite ist da so vieles Gutes, was ich mit und durch die Institution Kirche erlebt habe. Da sind meine biographischen Erfahrungen, die Begegnung auch mit Vertretern der Institution, die mich in ihrer Euphorie und Freude für den Glauben begeisterten. Wie gerne denke ich an die Zeit in meiner Heimatpfarrei bei den Ministranten zurück, an die wunderbaren Fahrten etwa zum Weltjugendtag 1997 nach Paris, an den Jugendchor und die großartigen Gottesdienste. Das alles lässt mein Herz höherschlagen, wenn ich daran denke und erfüllt mich immer noch mit tiefer Freude und Dankbarkeit, auch Gott gegenüber. Und schließlich hat mir der Glaube in der Zeit meiner schweren Erkrankung, gerade dank der in der Institution Kirche verwurzelten Personen, Halt und Kraft gegeben. Dieser Glaube an den einen liebenden Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist, für jeden einzelnen von uns, für dich und für mich, trägt mich bis heute.

Er ist es, der mich dem Sturm in meinem Herzen zurufen lässt, schweig, wenn ich wieder einmal an meiner Kirche verzweifele. Stattdessen lädt er mich ein, auf das Gute zu sehen und darauf zu schauen, wo Gottes Geist weht, gerade in meinem nähren Umfeld, hier in beiden Gemeinden in unserem Pfarrverband. Immer wieder erlebe ich hier in Unterschleißheim Menschen, die sich mit Begeisterung und Freude für den Glauben einsetzen. Sei es im Pfarrgemeinderat, in der Jugendarbeit, im Besuchsdienst im Seniorenheim, im Chor und in vielen Gremien und Gruppierungen mehr, die sich für andere engagieren. Und ich merke, dass mich Menschen brauchen. Als mir etwa der kleine Junge im Supermarkt, den ich aus einem unserer Kindergärten kenne, zuruft: „Bist du nicht der Mann vom lieben Gott? Ich freue mich, wenn ich dich wieder beim Gottesdienst sehe.“, da kann ich es wieder einmal spüren, wie wichtig Glauben, wie wichtig Kirche für das Leben der Menschen ist. An dieser Kirche möchte ich festhalten und ich möchte daran mitwirken, dass sie (wieder neu) zu einem Ort wird, an dem Menschen merken, wie wertvoll sie sind und der ihr Leben gelingen lässt. An so einem Ort möchte ich mit meiner Arbeit als Pastoralreferent mitwirken. Dabei müssen wir nicht alles allein schaffen. Wir dürfen auf Jesus Christus vertrauen, der das Ruder seines Bootes fest in der Hand hält. Er lenkt und leitet das Schiff seiner Kirche und führt sie durch Stürme und unbekannte Wasser hinein in das Land des Lebens. Amen.