Predigt Ostern 2021 Johannes 20,11-18

Maria aber stand draußen am Grabe und weinte. Maria von Magdala steht am Grab in völliger Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Es ist still an diesem Grab, denn die Geschichte mit Jesus ist vorbei. Für Maria ist die Basis ihres Lebens zerstört. Sie ist die Hilflosigkeit in Person. Maria ist auf sich allein gestellt. Es ist still am Grab bis auf ihr Weinen.

Doch in diese Stille hinein klingen Fragen: " Frau, warum weinst du?"
Maria hat sich gebückt, um in die Grabkammer hineinsehen zu können, um das Unglaubliche noch einmal zu sehen. Doch das leere Grab hat keine Botschaft für sie, Maria weint. Engel stehen vor ihr - aber Maria weint. Jesus steht unerkannt vor ihr - und Maria weint. Abgrundtief ist ihr Schmerz.

Und Jesus fragt: " Warum weinst du? Wen suchst du? " Maria beantwortet diese Frage so, wie sie sie versteht. "Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben." " Herr, wenn du ihn fortgetragen hast, so sag mir, wo du ihn hingelegt hast. Dann werde ich ihn holen. " Wen suchst du? Und Maria antwortet: Den toten Jesus.

Wen suchst du? Das ist eine Osterfrage. Wer sie stellt und beantwortet haben will, kommt an Ostern, an dem Fest der Auferweckung Jesu von den Toten, nicht vorbei. Entweder er findet hier eine Antwort oder er findet nie eine Antwort. Es ist die Frage nach der tiefsten Sehnsucht in unserem Leben. Wen suchst du? Können wir - so ohne zu zögern - sagen wie Maria: Meinen Herrn! Er ist die tiefste Sehnsucht meines Lebens. An ihm hängen letztlich all meine Gedanken, Gefühle, mein ganzes Leben.
Wen suchst du? Marias Antwort zeigt, dass sie zwar Jesus sucht, aber so, wie sie ihn sich vorstellt. Sie sucht den Jesus, der in ihre Vorstellungen passt - wie könnte sie auch anders - , der in gewissem Sinne für sie verfügbar ist. Sie sucht ihn so, wie sie ihn braucht - als Leichnam, um zu trauern. Sie sucht den toten Jesus, denn anders war es ja nicht möglich.
Wen suchst du? Die Frage gilt auch uns. Wir suchen oft genug den Jesus, der in unsere Vorstellungen passt, der für uns in gewissem Sinne verfügbar ist, der so ist und handelt und redet, wie wir es erwarten. Wen suchst du? Was ist die tiefste Sehnsucht deines Lebens? Müssten wir nicht allzu oft eingestehen, dass wir vielmehr uns selber suchen!

In unserem Text schauen wir Jesus über die Schulter und sehen und hören ihn bei seinem ersten Tun nach der Auferstehung. Und wir dürfen die Frage einmal umdrehen und fragen: Herr, wen suchst du? Herr, bist du in diesem Augenblick nicht am ganz falschen Ort? Herr, hast denn nichts Wichtigeres zu tun als in aller Seelenruhe mit einer unwichtigen Frau zu reden? Herr, du musst die richtigen Schwerpunkte setzen. Prioritäten!

Stellen wir uns doch für einen Augenblick einmal vor, Jesus wäre zum Tempelplatz gegangen. Er hätte dort eine flammende Rede gehalten! Er hätte seinen Auftritt so richtig inszenieren können. Er wäre Pontius Pilatus erschienen und hätte ihm gesagt: Du hast den Fehler deines Lebens gemacht. Nein - Jesus geht ganz souverän an all dem vorbei, was auf Erden und von Menschen für wichtig gehalten wird. Die Tränen, der abgrundtiefe Schmerz, das sehnsuchtsvolle Herz eines einzelnen Menschen, hier bei einer einzelnen Frau geht bei ihm vor - von Anfang an.

Herr, wen suchst du heute Morgen, hier in Unterschleißheim?
Und Jesus antwortet: Ich suche die Frau und den Mann und die Jugendlichen und die Kinder, die mich mit ganzen Herzen suchen, deren Herzen mit Sehnsucht erfüllt sind. Ich suche die, die in sich selbst hilflos und hoffnungslos sind und aus sich selbst keinen Weg und keinen Rat wissen. Jesus antwortet: Ich suche dich und dich und dich.

Warum weinst du? Wen suchst du? Osterfragen sind das. Nicht Fragen, die wir an das Geschehen von Ostern stellen könnten, sondern Fragen, die uns gestellt werden. Und zu diesen Fragen findet sich auch die Antwort. Jesus selbst gibt sie, weil Maria sie nicht geben kann. Sie sucht den toten Jesus. Deshalb muss der Lebendige sie ansprechen, ganz persönlich. Er ruft sie mit Namen: " Maria!" Da, so heißt es, erkennt sie ihn, erst da. Diese Anrede Jesu ist Dreh- und Angelpunkt der Erzählung: "Maria!" - Jesus kennt und nennt sie beim Namen. Maria fühlt sich angesprochen und in ihrer Angst, Trauer und Verzweiflung ernst genommen und ist erschrocken und froh zugleich.

Ich glaube, dass Jesus damals wie heute Menschen anspricht. Er ruft Dich bei Deinem Namen. Damals ist er eigens zum Grab zurückgekehrt, um Maria so zu begegnen. Auch heute ist er eigens in diesen Gottesdienst gekommen, um uns persönlich anzusprechen, jeden bei seinem Namen. Weil wir ihn aus uns heraus nicht erkennen können, weil aus uns heraus nicht Ostern werden kann, deshalb sind wir darauf angewiesen, dass er auch heute Morgen unseren Namen ruft, damit wir ihn erkennen.

Er ruft Sie, … gerade jetzt! Jeden von uns, wer es hören und annehmen will, ruft er damit ins ewige, unzerstörbare, unverlierbare Leben hinein. Sein Versprechen, seine Liebe zu mir. Er spricht Ihnen zu: Du bist mein. Du gehörst zu mir.
Heute ist Ostern. Christus hat gesiegt. Dies Ergebnis ist endgültig und niemand kann es verändern. Jesus selbst die Antwort auf alle Osterfragen und die Osterantwort steht: Jesus lebt! Und wir dürfen mit unserem Bekenntnis antworten: Mit ihm auch ich!

Christian Karmann, Diakon